Das Basler Piccolo

Autor: Der Blasinstrumentenbauer Erwin Oesch junior

Wenn mich in meiner Eigenschaft als Piccolobauer von Basel von Zeit zu Zeit junge Burschen und Mädchen fragen, wann denn eigentlich das Basler Piccolo "erfunden" worden sei - sie müssten in der Schule einen Vortrag halten -, so gerate ich regelmässig in Verlegenheit.

Das Basler Piccolo ist als solches nie erfunden worden, sondern war ursprünglich nichts anderes als eine halbe "normale" Querflöte - eben eine Piccolo-Querflöte. Erste Erwähnung fand die "flute à l'octave" 1735 in Frankreich, wenig später in Deutschland. Einige Jahre später tauchen Orchesterbesetzungen auf, die ein Piccolo vorschreiben. Während das Piccolo im Orchester sich vor allem auf Grund der revolutionären Neuerung Theobald Böhms an der Querflöte weiter entwickelte, bediente man sich in der Volksmusik und beim Militär weiterhin des bewährten mit nur wenigen Klappen versehenen alten Modells. In Basel tauchen erste Zeugnisse von Pfeifern erst um 1850 auf. Bis zum 2. Weltkrieg spielten die Pfeifer in Basel nur eine untergeordnete Rolle. Was man heute geniessen kann, ist das Ergebnis einer rasanten Entwicklung seit den fünfziger Jahren.

Als Folge anspruchsvollerer Kompositionen entstand der Bedarf nach besser gestimmten und in der tiefen Lage voller klingenden Instrumente. Mit dem 1950 aus dem St. Galler Rheintal nach Basel zugewanderten Instrumentenbauers Erwin Oesch senior fand sich denn auch ein Spezialist, der die Wünsche der Basler Pfeifer erfüllen konnte. Während Jahren wurde in seiner Werkstatt mit den führenden Pfeiferchefs und anderen Spitzenpfeifern gepröbelt und gesucht. Nachdem Erwin Oesch senior eine eigene Werkstatt gegründet hatte, konnte er sich dieser Aufgabe verstärkt widmen. Es entstanden damals die heute gebräuchlichen zwei Standardtypen, die man nun mit Fug und Recht das "Basler Piccolo" nennen kann: das vor allem für die oberen Stimmen gebrauchte "Basler Dybli" und das weiter gebohrte "Spezial" für die tiefen Lagen.

Wenn bis etwa 1974 bei beiden Modellen leicht verschiedene Bohrungen gebaut wurden, so bestand meine Aufgabe - frisch von der Ausbildung als Blasinstrumentenbauer nach Hause zurückgekehrt - nun darin, die besten Kombinationen herauszufinden, sie zu verfeinern und zu standardisieren. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Versuche, das bisher verwendete Korpusmaterial - nämlich Grenadillholz - durch Kunststoff wenn nicht zu ersetzen, so doch zu ergänzen. Das Material des Kopfstückes blieb dabei Messing, zumeist verchromt.

Wenn das heutige "Basler Piccolo" auf Grund seiner einfachen Bauweise nicht perfekt stimmt, so beweisen Könner, dass man und frau auch auf einfachen Instrumenten Leistungen erbringen können, die man sich vor dreissig Jahren nicht vorstellen konnte.

Was die Zahlen auf den Piccolos bedeuten
Erwin Oesch: «Wir wechseln unsere Seriennummer jeweils an Fasnacht. Im Moment markieren wir die Instrumente mit der Nummer 41 (Fasnacht 06- Fasnacht 07). Demzufolge dürfte ein Instrument mit den Zahlen 299/5, wenn ich richtig gerechnet habe, ca. 1970 entstanden sein. So genau ist das nicht zu eruieren, da mein Herr Papa es mit der Nummerierung nicht so genau genommen hat. Ab Serie 11 (76-77 und Beginn meiner Aera) kann man sich absolut auf den jeweiligen Jahrgang abstützen.»